Carlos Ruiz Zafón: “Das Spiel des Engels”

Oktober 12th, 2009 by lotharthiel

Zafóns “Der Schatten des Windes” ist ein toller Roman. Spannend erzählt, witzig (v.a. durch die Figur des Fermín), historische und kulturelle Einblicke in das Barcelona um die Mitte des 20. Jahrhunderts gewährend sowie letztlich in sich schlüssig. Wer nach diesem Buch “Das Spiel des Engels” liest, wird möglicherweise enttäuscht sein.

Nicht nur, dass der Roman mit kruden Mystizismen überladen ist (v.a. im mittleren Teil), schon das Anliegen des Bösewichts, den Protagonisten zur Erstellung einer Erzählung zu zwingen, durch die eine neue (menschenverachtende) Religion gegründet werden soll, ist im Gegensatz zum Motiv Mephistos für seinen Pakt mit Faust nicht nachvollziehbar. (Zafón selbst wollte dem Roman etwas Faustisches geben.) Fausts Motive für den Teufelspakt waren ausschließlich ideeller Natur und insofern freier als diejenigen David Martíns (der Hauptfigur), der nur durch den Pakt sein (physisches) Leben zu retten hoffen kann.

Die erzählte Zeit des Romans “Das Spiel des Engels” liegt vor der des “Schatten(s) des Windes”; in jenem kehrt daher manche Figur oder Gegebenheit wieder, die der Leser auch schon von diesem Roman kennt. Doch ist dies ein literarisch vertretbarer Grund, haargenau das gleiche Romanschema nochmal abzuspulen?  

Ein Thriller lebt davon, dass alles, was passiert, letztlich eine rationale Erklärung erfährt. Nicht so im “Spiel des Engels”, wo der Deus ex Machina mit übernatürlichen Kräften nicht nur einmal in die Handlung entscheidend eingreift. Und nichts gegen verborgene Räume, kryptische Schriften und seltsame Zufälle, aber wenn fast alle Cliffhanger damit bestückt werden, verbraucht sich der beabsichtigte Effekt recht schnell.

Die Personen werden nicht allzu sehr nuanciert gezeichnet; entweder starren sie nur so vor lauter Mut, Wahrhaftigkeit und Güte oder sie sind Fieslinge. Zu den wenigen Ausnahmen gehört David Martín und sein Freund Vidal. Fast alle beherrschen die Kunst der bloßstellenden Antwort; ob der Autor nicht auch hier ein bisschen zu viel von sich selbst in seine Geschöpfe hineingelegt hat?

Aber: Obwohl ich schon nach gut 200 Seiten meine ersten Bedenken hegte, las ich den über 700-seitigen Roman zu Ende, denn abgesehen von gewissen Längen im mittleren Teil ist er sehr spannend geschrieben, so dass mir Weglegen nie in den Sinn kam. Deswegen freue ich mich auch schon auf den nächsten Zafón-Schmöker, hoffend, dass das im “Schatten des Windes” etablierte, im “Spiel des Engels” wiederholte Muster dann einer neuen kreativen Idee dieses lobenswerten Autors den Platz freigibt.

Ich bin 2 Öltanks: “Kurzer Prozess”

Juli 20th, 2009 by lotharthiel

 

Gesendet zwischen Melusine und Lothar Thiel.

 

Melusine

July 18, 2009 um 12:37 am

Hallo Lothar,

entschuldige, falls das jetzt zu aufdringlich sein sollte: Ein Freund von mir sucht seit langem ein ”fachmännisches Urteil” zu einem bestimmten Gedicht von ihm. Mir scheint, du verstehst um einiges mehr von der Sache als ich und hast keine Vorurteile. Darf ich dir das Gedicht mal sozusagen zur Ansicht schicken?

LG Mel (Gudrun)

 

Lothar Thiel

July 18, 2009 um 11:44 pm

Hi Mel, du kannst mir das Gedicht gerne schicken. Natürlich ist dies u.U. eine heikle Angelegenheit, wenn man den Autor nicht kennt und nicht weiß, wie er ggf. auf Kritik reagiert. Wenn ihm klar ist, dass sich Kritik auf Form und Inhalt des Gedichts bezieht, nicht aber auf das evtl. zu Grunde liegende Erlebnis bzw. Gefühl, lässt sich’s vielleicht wagen. Zudem bin ich auch kein Kunstrichter (falls es so etwas überhaupt gibt). Ich habe eine gewisse Mindesterwartung gegenüber Gedichten (auch negativer Art), anhand deren ich bei einem konkreten Gedicht schon begründen kann, was mir an ihm gefällt oder eher nicht. Wenn das so o.k.ist, dann her damit! LG, Lothar

 

Melusine

July 19, 2009 um 12:59 am

Danke :).
Ach, heikel ist das in diesem Fall nicht, es geht nicht um ein ”Gefühlsgedicht”, sondern wirklich nur um die handwerkliche Sache. Der Autor verträgt Kritik und kann sich damit rational auseinandersetzen.

So, dann mal in medias res… hier der Text:

Kurzer Prozess

Post an Postempfänger A
”Is alles klar mit Wonderbra?”

Post von Postempfänger B
”Brauch heißes Eis für Eiskaffee!”

Post von Drückeberger X
”Bin viel entspannter, wenn ich wichs!”

Post an Ehegattin 4
”Ich wünscht so sehr, ich wär bei dir…”

Post von Pummelbrumme Klaus
”Bin grad im Knast. Hol mich hier raus!”

Post an alle Leuts im Speicher
”Ohne Kumpels wär ich reicher.”

Post an Handys überall
”Wer ESSEMESST, hat einen Knall!”

Post von Handys landesweit
”Wer Post per Post verflucht, is breit!”

SMS an Kurzmitteilung
”Menschen fehlt exakte Peilung!”

Telekom an Azazil
”Bald sind sie Dein, fehlt nich mehr viel!”

 

 

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Erst einmal kommentarlos - weil’s mich echt interessiert, was du dazu sagst, wenn du es einfach so liest, ohne irgendwas über den Autor zu wissen, anderes von ihm zu kennen oder so.

Danke für deine Bereitschaft

LG Mel

  

Lothar Thiel

July 19, 2009 um 4:38 pm

Schönen Sonntagnachmittag, Mel.

Also mal vorab mein ganz persönlicher Eindruck. Egal, ob das Gedicht von Lieschen Müller, Robert Gernhardt, von dir selbst oder sonstwem stammt; ich finde es sehr gekonnt und - im besten Sinne - witzig, es gefällt mir ausgezeichnet. Meine Begründung, die notwendigerweise eine kleine Interpretation ist, gliedert sich in zwei Teile:

I. Form

Der Dichter (wie heißt es so schön: Die weibliche Form ist immer mitgedacht) gliedert sein Werk in zehn Zweizeiler mit Paarreimen. Die meist männlich-stumpf endenden Verse sind alternierend vierhebige Trochäen und Jamben. Handwerklich okay.

II. Sprache, Inhalt und Aussage

Es geht m.E. um das (Scheitern von) Kommunikation in einem Zeitalter, das eine bisher ungekannte Vielfalt an Kommunikationsmitteln und eine inflationäre Zunahme von Kommunikationsakten hervorgebracht hat. Kommunikationsakte und gelingende Kommunikation sind also nicht dasselbe. Je mehr kommuniziert bzw. dies versucht wird, desto banaler wird ein Großteil der Aussagen und um so größer ist das Risiko, dass sie unbeachtet und unbeantwortet bleiben.

Jede Strophe besteht aus der Angabe eines Kommunikationsmediums und/oder Senders (ungerade Verszahl) sowie einer Botschaft. Anhand der ”Messages” (gerade Verszahl) lassen sich inhaltlich drei Abschnitte erkennen:

1. Persönliche Mitteilungen bzw. Fragen, die sich (z.T. exhibitionistisch) auf Intimes und auf Bedürfnisse/Notwendigkeiten (1.-6. Strophe) beziehen. Die Antworten erfährt der Leser nicht oder, wahrscheinlicher, sie werden erst gar nicht gegeben. Der Paarreim, durch den zwischen den Zweizeilern keine qualitative Lautverbindung entstehen kann, unterstreicht die ”Monopolarität”, also das Scheitern der Kommunikationsversuche. Mögliche Ursachen für dieses Scheitern - außer der schieren Quantität - werden angedeutet: Evtl. unerbetenes Eindringen in fremde Intimsphären (Strophe 1) bzw. ebensolche Zurschaustellung der eigenen (Strophe 3) lädt nicht wirklich zur Kommunikation ein. Die Strophen 2 und 4 sind in sich widersprüchlich (unlogisch bzw. evtl. heuchlerisch) und erzeugen somit auch keine Kommunikationsmotivation. Bezüglich der Botschaften in den Strophen 5 und 6 mag der Empfänger denken: ”Selbst wenn ich wollte, könnte ich dir da nicht helfen” - und schweigt ebenfalls.

2. Reflexionen/Urteile über die aktuelle Kommunikationspraxis (6.-9. Strophe). Das Abschnittsthema wird im Gegensatz zum ersten Teil nicht aneinander reihend, sondern diskursiv-kommentierend entwickelt. Strophe 6 lässt sich thematisch nicht nur zum ersten, sondern auch zum zweiten Abschnitt zählen, was einen schönen Übergang ergibt: Durch das permanente Gequatsche mit hunderten gespeicherter ”Freunde” lässt sich der Sender offensichtlich davon abhalten, sich dem zuzuwenden, was für ihn wirklich nützlich und wichtig wäre. Strophe 7 könnte als verzweifelter Appell derselben Person ”an die Welt” gedeutet werden, diese Praxis zu beenden, was allerdings von den Empfängern mit dem Hinweis auf die Paradoxie seines Unterfangens, die Kritik am SMSen per SMS zu verbreiten, cool gekontert und zum willkommenen Anlass für weiteres Gelaber genommen wird. Dann scheint das Verhältnis von Benutzern und Mitteln, Mensch und Maschine, endgültig zu kippen (Strophe 9).

3. Das einseitige Kommunizieren und das bi-/multilaterale Blabla sind also nicht zu stoppen; niemand entrinnt ihm. Die Telefongesellschaft freut’s natürlich, dass dem so ist. Mit einem biblischen Bild (10. Strophe) wird die Situation ironisch resümiert - man wird ein fast bisschen an apokalyptische Barockgedichte erinnert: Die Telekom teilt Azazil, also dem Teufel, mit, dass er bald mit einer großen Lieferung Verlorener rechnen darf.

Ein großes Kompliment also dem/der Dichter/in! Ich persönlich bin für alle Inhalte, Formen und Stile von Lyrik offen (was sich auch in einer mir durchaus bewussten und gewollten Uneinheitlichkeit meiner eigenen Gedichte niederschlägt). Ich finde es allerdings - Ausnahmen bestätigen die Regel, und Nonsensegedichte liebe ich! - wünschenswert, dass Gedichte auf irgendeine Weise im Leben geerdet sind und somit auf Erlebnissen, Erfahrungen und/oder Reflexionen beruhen, die dem Leser freilich in einer kunstvollen Form dargeboten werden, die das Private daran im dreifachen Hegelschen Sinne aufhebt (also zugleich beseitigt, bewahrt und auf eine höhere, eine Vielzahl von Menschen [zumindest desselben Kulturkreises] ansprechende Ebene hebt).

Womit ich gar nichts anfange, sind die Produkte von E p i g o n e n der klassischen Moderne (nichts also gegen die Originale!), die mit blinden Motiven arbeiten und die Unverständlichkeit bzw. Schiefe ihrer Metaphern als unergründliche Vieldeutigkeit verstanden wissen wollen, vor welcher der dumme Leser nur in Ehrfurcht erschauern kann. (Vgl. mein poetologisches Credo im ”Liebesgedicht”!, ”gans wi du wilsd” und „schwer gebeutelt“ oder auch “moderner klassiker” hier und da auf meinem Schreibblock!) Prätendierter Tiefsinn, der nichts als bloßes Wortgeklingel ist, geht mir nicht unter die Haut.

Mir gefallen - vielleicht postmodern konditioniert - Gedichte, die eine leicht verständliche Basisebene u n d eine zweite Ebene besitzen, die sie nicht aussprechen, sondern die vom Leser, durch das Form-Inhalt-Wechselspiel des Gedichts angeregt, erst in seinem Kopf - individuell durchaus unterschiedlich - konstruiert wird. Auch komische Gedichte mag ich unter anderem deshalb, weil ihre Dichter nicht ins Diffuse ausweichen können, sondern Farbe bekennen müssen.

Allen diesen Kriterien wird der ”Kurze Prozess” vorzüglich gerecht und deshalb gefällt er mir.

LPG (liebe poetische Grüße), Lothar

 

 

Melusine

July 19, 2009 um 7:24 pm

Huiiiii! So eine ausführliche Stellungnahme, dankeeee! Ich geh mal davon aus, dass ich sie an den Autor weitergeben darf. Er wird sich glaub ich freuen wie ein Schneekönig ;).

Ich wollte kein Geheimnis draus machen, sondern bloß nichts vorweg nehmen. Der Autor ist ein Internetfreund, männlich, 30 Jahre alt, schreibt in meinem Forum unter dem Nick ”Ich bin zwei Öltanks”. Dieses Gedicht hatte er in einem anderen Forum veröffentlicht und darauf extrem abfällige, geradezu hasserfüllte Kritiken geerntet. Ich halte es nicht für eins seiner besten, aber er wollte unbedingt gerade dafür (eben wegen der abfälligen Kritiken) einen ”lyrischen Ritterschlag”, wie er es mal ausgedrückt hat.

Den hat er ja jetzt wohl…

LPG? Hieß das nicht mal was anderes? *lol* Schöne Umdeutung.

LPD (lieben poetischen Dank),
Mel

 

 Lothar Thiel

July 19, 2009 um 8:39 pm

Gern geschehen! Hat mir auch Spaß gemacht und war willkommener Anlass, mich vor anderer Arbeit zu drücken.  Mit den besten Empfehlungen an ”Ich bin zwei Öltanks”! Weiter so!

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Soviel zum “Kurzen Prozess” von Ich bin 2 Öltanks. Aber vielleicht seht ihr das ja ganz anders und findet auch die nach der Interpretation des Gedichts explizierten Kriterien völlig daneben? Yes comment! 

Liebe poetische Grüße!

Juli 20th, 2009 by lotharthiel

Der Blog Yes Comment! Versuche, der intraliterarischen Stille entgegenzuwirken möchte durch Veröffentlichung und Zur-Diskussion-Stellung von Kommentaren und Korrespondenzen über kontroverse Aspekte der Literatur und literarische Werke (insbesondere der hier ins Bücherbrett gestellten) dazu beitragen, die Kommunikation zwischen den Bücherbrett-Bloggern etwas zu beleben.

LPG, Lothar Thiel